
Raus aus der Nachrichtenspirale – Wie wir unsere Psyche vor Doomscrolling schützen
Es ist spät am Abend. Du wolltest eigentlich nur kurz nachsehen, was in der Welt passiert ist – und plötzlich sind 45 Minuten vergangen. Katastrophenmeldungen, Krisenberichte, düstere Prognosen. Mit jedem Wisch über den Bildschirm wächst das Gefühl von Hilflosigkeit. Dein Herz schlägt schneller, die Anspannung steigt, aber du kannst nicht aufhören zu scrollen. Willkommen im Teufelskreis des Doomscrollings – einem Phänomen, das Millionen Menschen betrifft und dessen Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit immer deutlicher werden.
Was ist Doomscrolling und warum tun wir das?
Doomscrolling beschreibt das zwanghafte, oft stundenlange Konsumieren negativer Nachrichten – besonders in Zeiten von Krisen und Katastrophen. Der Begriff gewann während der Corona-Pandemie an Bedeutung, doch das Phänomen wurde durch den Ukraine-Krieg, die Klimakrise und andere globale Unsicherheiten weiter befeuert. Es geht dabei nicht um das normale, informierte Verfolgen des Weltgeschehens. Es ist der Moment, in dem wir die Kontrolle verlieren: Wir scrollen weiter, obwohl wir längst wissen, dass es uns nicht guttut.
Die Psychologie dahinter ist tief in unserer Evolution verankert. Menschen sind darauf programmiert, Gefahren im Blick zu behalten. In der Steinzeit war das überlebenswichtig: Wer Bedrohungen frühzeitig erkannte, hatte bessere Chancen. Dieser Schutzmechanismus funktioniert in der analogen Welt gut – in der digitalen wird er jedoch zum Problem. Algorithmen sozialer Medien verstärken diesen Effekt: Sie zeigen uns mehr von dem, worauf wir reagieren. Negative Schlagzeilen lösen stärkere Emotionen aus als neutrale Meldungen – und halten uns dadurch länger auf der Plattform.
Dazu kommt die Illusion von Kontrolle. Unbewusst glauben viele von uns: Wenn ich nur genug weiß, kann ich mich besser vorbereiten oder die Situation irgendwie beeinflussen. Doch das Gegenteil tritt ein. Je mehr wir uns in der Nachrichtenflut verlieren, desto hilfloser fühlen wir uns.
Was macht Doomscrolling mit uns?
Die Auswirkungen von Doomscrolling sind inzwischen wissenschaftlich gut dokumentiert – und sie sind alarmierend. Was als harmloses „Sich-informieren-Wollen"; beginnt, kann gravierende Folgen für Körper, Psyche und Gesellschaft haben.
Die wissenschaftliche Perspektive: Was passiert in unserem Gehirn?
Neurobiologisch betrachtet versetzt uns der ständige Konsum negativer Nachrichten in einen Zustand chronischer Alarmbereitschaft. Unser limbisches System – jener Teil des Gehirns, der für Emotionen und Stressreaktionen zuständig ist – reagiert auf jede Krisenmeldung, als wäre die Bedrohung unmittelbar. Das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet, der Körper mobilisiert Energie für Kampf oder Flucht. Doch anders als bei einer realen, greifbaren Gefahr gibt es beim Doomscrolling keine Möglichkeit zur Entladung dieser Anspannung. Wir bleiben in einer Art Dauerstress gefangen.
Studien zeigen eindeutig: Doomscrolling fördert Angst, kann depressive Verstimmungen auslösen und beeinträchtigt massiv die mentale Gesundheit. Eine Untersuchung während der Corona-Pandemie – als der Begriff erstmals breite Aufmerksamkeit erhielt – belegte, dass Menschen, die täglich mehrere Stunden negative Nachrichten konsumierten, deutlich höhere Werte bei Angststörungen und depressiven Symptomen aufwiesen. Bei Menschen, die bereits psychisch belastet oder anfällig sind, kann sogar eine deutliche Zunahme von Symptomen psychischer Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen beobachtet werden.
Das Perfide: Algorithmen verstärken diesen Effekt. Social-Media-Plattformen sind darauf programmiert, uns möglichst lange zu binden. Negative, emotionalisierende Inhalte erzeugen stärkere Reaktionen – und werden uns deshalb bevorzugt angezeigt. Was als neutraler Newsfeed beginnt, wird schnell zur personalisierten Schreckensspirale.
Die gesundheitlichen Folgen: Vom Kopf bis zum Herzen
Die Auswirkungen von Doomscrolling beschränken sich nicht auf die Psyche – sie manifestieren sich auch körperlich:
Schlafstörungen: Besonders wenn wir kurz vor dem Schlafengehen noch scrollen, bleibt das Gehirn im Alarmmodus. Das blaue Licht der Bildschirme hemmt die Produktion des Schlafhormons Melatonin, und die aufwühlenden Inhalte verhindern, dass wir zur Ruhe kommen. Die Folge: schlechter Schlaf, der wiederum die psychische Belastbarkeit am nächsten Tag senkt – ein Teufelskreis.
Chronischer Stress: Der permanente Nachrichtenkonsum hält das Stresssystem dauerhaft aktiviert. Langfristig kann das zu Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem geschwächten Immunsystem führen. Expert:innen warnen 2026 explizit vor den Belastungen durch die ständige Flut negativer Nachrichten und übermäßigen Medienkonsum.
Erschöpfung und emotionale Überlastung: Der ständige Strom negativer Informationen zehrt an unseren emotionalen Reserven. Viele berichten von einer diffusen inneren Unruhe, Reizbarkeit und dem Gefühl, ständig „auf dem Sprung"; zu sein. Diese emotionale Dauerbelastung kann in Erschöpfungszustände münden, die dem Burnout ähneln.
Psychische Erkrankungen: Die dauerhafte Konfrontation mit Krisen kann das Risiko für Angststörungen und Depressionen erhöhen. Besonders Menschen, die bereits vulnerabel sind – sei es durch Vorerkrankungen, aktuelle Lebenskrisen oder soziale Isolation – sind gefährdet.
Die gesellschaftliche Dimension: Wenn Angst zur Norm wird
Doomscrolling ist längst kein individuelles Problem mehr – es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Die Corona-Pandemie brachte den Begriff in den Mainstream, doch der Ukraine-Krieg, die Klimakrise und politische Unsicherheiten haben das Phänomen weiter befeuert. Wir leben in einer Zeit multipler, sich überlappender Krisen – und das prägt unser kollektives Erleben.
Sozialpsycholog:innen beobachten, dass sich durch den permanenten Nachrichtenkonsum die gesellschaftliche Grundstimmung verändert. Wenn negative Nachrichten allgegenwärtig sind, entsteht eine Atmosphäre diffuser Bedrohung. Menschen fühlen sich unsicher, auch wenn sie persönlich nicht direkt betroffen sind. Dieses Phänomen wird als „sekundäre Traumatisierung"; bezeichnet: Schon das Miterleben von Krisen über Medien kann messbare Stressreaktionen auslösen.
Besonders betroffen sind junge Menschen. Die sogenannte „Klimaangst"; – die tiefe Sorge um die Zukunft des Planeten – ist bei der Generation Z weit verbreitet. Hinzu kommt das Gefühl der Hilflosigkeit: Wir sehen die Probleme, können aber individuell kaum Einfluss nehmen. Diese Ohnmacht, gepaart mit der permanenten Konfrontation durch Social Media, führt bei vielen zu einer Art resignativer Erschöpfung.
Gleichzeitig verändert Doomscrolling unsere Wahrnehmung der Welt. Durch die Überrepräsentation negativer Ereignisse in den Medien entsteht ein verzerrtes Bild: Die Welt erscheint gefährlicher, bedrohlicher und hoffnungsloser, als sie tatsächlich ist. Psycholog:innen nennen dies den „Mean World Effekt"; – die Tendenz, die Welt für feindlicher zu halten, als sie objektiv ist.
Der Preis der Dauerbelastung
Besonders in Zeiten multipler Krisen – Klimawandel, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten, gesellschaftliche Polarisierung – neigen wir dazu, uns in negativen Inhalten zu verlieren. Wir suchen nach Antworten, nach Sicherheit, nach einem Gefühl von Kontrolle. Doch statt Orientierung finden wir oft nur weitere Beunruhigung.
Die Forschung zeigt: Je mehr wir konsumieren, desto hilfloser fühlen wir uns. Statt handlungsfähiger zu werden, erstarren wir. Die Psychologie spricht von „Information Overload"; – einer Überlastung, die uns paradoxerweise handlungsunfähiger macht, statt uns zu befähigen.
Der Unterschied: Informiert bleiben vs. sich überfluten lassen
Es ist wichtig zu betonen: Es geht nicht darum, den Kopf in den Sand zu stecken oder weltfremd zu werden. Informiert zu sein, ist ein Grundpfeiler demokratischer Teilhabe und persönlicher Mündigkeit. Die Frage ist: Wo verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Information und schädlicher Überflutung?
Ein einfacher Test: Frage dich nach 15 Minuten Nachrichtenkonsum: „Habe ich jetzt mehr Klarheit gewonnen oder fühle ich mich nur überfordert?"; Wenn das Scrollen zur Gewohnheit wird, die keine neuen Erkenntnisse bringt, sondern nur Angst verstärkt – dann befindest du dich im Doomscrolling-Modus.
Fünf Strategien für einen gesünderen Medienkonsum
1. Feste Nachrichtenzeiten etablieren
Statt den ganzen Tag über Push-Benachrichtigungen zu empfangen, lege dir bewusste Zeitfenster fest. Zum Beispiel: Einmal täglich, maximal 15–20 Minuten, zu einer festen Uhrzeit. Das schafft Struktur und nimmt dem Nachrichtenkonsum den zwanghaften Charakter.
2. Quellen kuratieren
Nicht alle Nachrichtenquellen sind gleich. Manche berichten sachlich und ausgewogen, andere schüren gezielt Panik. Entfolge Accounts und Kanälen, die dich emotional aufwühlen, ohne dich wirklich zu informieren. Suche dir stattdessen seriöse, verlässliche Quellen.
3. Handy aus dem Schlafzimmer
Das Smartphone direkt neben dem Bett ist eine Einladung zum nächtlichen Scrollen. Schaffe räumliche Distanz. Ein klassischer Wecker tut denselben Dienst – ohne die Versuchung, mitten in der Nacht in die Nachrichtenwelt einzutauchen.
4. Bewusst positive Inhalte konsumieren
Statt nur schlechte Nachrichten zu lesen, suche gezielt nach konstruktiven, lösungsorientierten Berichten. Es gibt Initiativen, Fortschritte und Menschen, die Gutes tun – auch wenn diese Geschichten seltener viral gehen. Manche nennen das „Kindness-Scrolling"; oder „Hope-Scrolling“
5. Gespräche statt Scrollen
Wenn dich etwas beschäftigt, sprich darüber – mit Freund:innen, Familie oder jemandem, der zuhört. Oft merken wir erst im Gespräch, dass viele unserer Ängste geteilt werden und dass der Austausch entlastend wirkt.
Warum Reden mehr hilft als endloses Scrollen
Wir scrollen oft, weil wir uns allein fühlen mit unseren Sorgen. Wir suchen nach Bestätigung, nach Menschen, denen es ähnlich geht, nach Lösungen. Doch digitale Isolation verstärkt das Problem häufig. Ein echtes Gespräch hingegen – mit einem Menschen, der da ist, der zuhört, ohne zu urteilen – kann einen fundamentalen Unterschied machen.
Bei REDEZEIT FÜR DICH findest du genau das: Über 350 ehrenamtliche Zuhörer:innen, die dir ihre Zeit schenken. Keine Algorithmen, keine Schlagzeilen, keine vorgegebenen Narrative – sondern echte menschliche Verbindung. Du kannst aussprechen, was dich belastet. Du musst keine Lösungen präsentieren, keine Haltung beweisen. Einfach gehört werden.
Manchmal ist das Aussprechen von Ängsten der erste Schritt, um ihre Macht zu brechen. Im Gespräch merken wir: Wir sind nicht allein. Wir sind nicht hilflos. Und wir müssen nicht die Last der ganzen Welt auf unseren Schultern tragen.
Informiert bleiben – ohne sich zu verlieren
Doomscrolling ist kein persönliches Versagen. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine überfordernde Welt und auf Technologien, die darauf ausgelegt sind, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln. Doch wir sind diesem Mechanismus nicht hilflos ausgeliefert.
Du darfst informiert sein, ohne dich zu verlieren. Du darfst Grenzen setzen – auch gegenüber Nachrichten. Du darfst bewusst entscheiden, wann, wie und wie viel du konsumierst. Und du darfst das Handy weglegen, wenn es zu viel wird.
Die Welt wird nicht besser, wenn wir uns selbst dabei aufgeben, sie zu beobachten. Sie wird besser, wenn wir gut für uns sorgen – und daraus Kraft schöpfen, um dort zu handeln, wo wir wirklich etwas bewegen können. Manchmal liegt dieser Ort nicht im Newsfeed, sondern im Gespräch. Im echten Leben. In der Verbindung mit Menschen.
Wenn du das Gefühl hast, dass die Nachrichten dich nicht loslassen – sprich darüber. Bei REDEZEIT FÜR DICH hören wir zu.
Quellen:
AOK Sachsen-Anhalt: Doomscrolling – Negative Nachrichten hinter sich lassen
BARMER: Doomscrolling – Tipps zum Konsum schlechter Nachrichten
AOK Magazin: Was ist Doomscrolling und was hilft dagegen?
Mobil Krankenkasse: Doomscrolling (02/2024)
Ad-hoc-news: Mental Health Trends 2026 – Resilienz wird zur Schlüsselkompetenz

Über die Autor:innen
Die Redaktion von REDEZEIT FÜR DICH ist ein Team aus Experten für psychische Gesundheit, professionellen Coaches und engagierten Schreibern, die sich der Aufgabe verschrieben haben, Wissen und Einsichten rund um das Thema seelisches Wohlbefinden zu verbreiten. Mit einem tiefen Verständnis für die Herausforderungen des modernen Lebens und einem umfassenden Erfahrungsschatz in der Unterstützung von Menschen in Krisensituationen, bietet die Redaktion Inhalte, die informieren, inspirieren und Wege zur persönlichen Entfaltung aufzeigen.
In den Artikeln der REDEZEIT FÜR DICH Redaktion finden Leserinnen und Leser eine sorgfältig kuratierte Mischung aus praktischen Ratschlägen, tiefgehenden Reflexionen und motivierenden Geschichten. Jeder Beitrag wird mit dem Ziel verfasst, Leser zu ermutigen, ihre mentale Gesundheit zu priorisieren, die eigene Resilienz zu stärken und ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen.
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