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XING Spezial „Mental Health“: Therapeutenmangel in der Pandemie – so können wir uns helfen

Dieser Artikel ist im September 2021 zu erst auf XING.de erschienen 👉🏻 nämlich hier!

Ein Rückblick auf 2020 zeigt, wie die Erkrankungen vor allem im mental-gesundheitlichen Sektor zugenommen haben. Ein weiterer Blick offenbart, wie lange die Betroffenen auf adäquate Hilfsangebote warten müssen. Warum wir nicht wegschauen dürfen.

Ein Gastbeitrag von  Florian Schleinig

Wir kommen aus einer wirren Zeit: Unternehmensberater•innen im Homeoffice, berufstätige Eltern nebenbei noch als Kinderbetreuung arbeitend und Studierende im virtuellen Hörsaal. Inzwischen sind diejenigen die Ausnahme, denen die Wände in den letzten anderthalb Jahren nicht zu eng wurden und deren Leben nicht andauernd von Überforderung geprägt war. Trotzdem war und ist selbst heute noch das Hilfsangebot für all jene sehr überschaubar, denen die Zeit mit Corona mehr zusetzte als nur ein langweiliges, technisch unsauberes Meeting über Zoom.

Gesundheitsmanagement in Coronazeiten bedeutet mehr als Ergonomie am Küchentisch

Aber der Reihe nach. Hier mal ein paar Zahlen und die Erkenntnis, dass es in den letzten 18 Monaten um mehr ging als die falsche Sitzhaltung am Küchentisch, der damals kurzfristig zum Hauptarbeitsplatz erkoren wurde. Die Krankenkassen verzeichneten 2020 verschiedenste Zunahmen an Erkrankungen durch ein Leben in der Pandemie. Jede•r versicherte Erwerbstätige war laut der Techniker Krankenkasse (TK) statistisch gesehen wegen mentaler Probleme durchschnittlich fast drei Tage krankgeschrieben, zum Beispiel aufgrund von Depressionen oder Angststörungen.

Der DAK nach nahmen die Fehlzeiten aufgrund von Anpassungsstörungen um acht Prozent zu. Darunter fallen laut der Krankenkasse auch psychische Erkrankungen, die einen neuen Höchststand erreichten. Ihrer Analyse nach veränderte die Pandemie das Krankheitsgeschehen in der Arbeitswelt massiv. Dafür wertete das Berliner IGES Institut die Daten von mehr als 2,4 Millionen bei der Kasse versicherten Beschäftigten aus.

Therapieplätze: Mangelware wie nie zuvor

Das war auch auf der anderen Seite spürbar: Seit Anfang 2021 nahmen die Anfragen nach einer Psychotherapie um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, so die Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). Womit ein großes Problem noch größer wurde, nämlich die Suche nach einem Therapieplatz. Der "Verband für psychologische Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen" (VPP) führte dafür eine Umfrage unter den Mitgliedern durch. Das Ergebnis: Kassenpatient•innen müssen im Schnitt 24 Wochen, also halbes Jahr, auf einen ambulanten Therapieplatz warten. 2019 waren es noch durchschnittlich 17 Wochen.

Schon allein dieser statistische Einblick zeigt, dass die mentale Gesundheit unserer Gesellschaft stark gelitten hat. Wir fangen gerade erst an, diese tiefe Wunde zu begreifen. Wie können wir aber etwas heilen, was schon schmerzt, doch uns noch lange nicht lähmt, sodass wir gesellschaftlich nicht mehr handlungsfähig sind?

Reden hilft

Durch fehlende Therapieplätze haben sich in der Zilvilgesellschaft alternative Projekte wie Krisenchats der Matching-Plattformen entwickelt. Ich selbst hatte 2020 durch Corona den Drang, aktiv zu werden und in all dem emotionalen Lock-Down-Chaos einen kleinen Anker anzubieten. Als ausgebildeter Coach sah ich hier meine größte Möglichkeit, zivilgesellschaftlich zu helfen. So rief ich gemeinsam mit drei anderen Coaches die kostenfreie Plattform  Redezeit für Dich  ins Leben. Heute, nur ein Jahr später, sind wir mehr als 300 Coaches, Psycholog•innen und Therapeut•innen, die ehrenamtlich zuhören und somit Selbstfürsorge und Prävention in unserer Gesellschaft erhöhen möchten. Für manche sind wir eine Überbrückung in der Wartezeit auf einen Therapieplatz, für andere sind wir die, bei denen auch einmalig einfach mal alles rausgelassen werden kann.

Vielleicht ist wenigstens eine Folge der steigenden Zahlen von psychischen Erkrankungen, dass das Tabu darum sich immer weiter auflöst. Vielleicht realisieren wir, dass wir unsere psychische Gesundheit genauso pflegen müssen, wie unseren physische. Wäre es nicht schön, wenn die Frage „Wie geht es dir?“ im Arbeitsumfeld viel öfter ernst gemeint wäre, als nur eine reine Höflichkeitsfloskel? Die kollektive Überforderung und Erschöpfung der Coronazeit hat bei vielen Menschen bewirkt, dass sie sich gezwungenermaßen trauen, um Hilfe zu fragen. Klar ist: Das Thema „Mentale Gesundheit“ ist durch die Pandemie immer mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt. Und klar ist auch: Darüber reden hilft. 

Über den Autoren:

Florian Schleinig ist einer von vier Gründern der Plattform  REDEZEIT FÜR DICH. Motivation war es, den Menschen eine Form von Hilfe auf Distanz zu bieten und ein Zeichen des Engagements und Zusammenhalts zu senden. Was durch Corona entstand, ist an Relevanz gewachsen: das seelische Wohlbefinden der Gesellschaft zu stärken. Neben REDEZEIT ist Florian Podcaster, Fotograf und arbeitet für Hamburg Marketing GmbH.